Aus der Unflexibilität zum mobilen Lehren und Lernen

Aus der Unflexibilität zum mobilen Lehren und Lernen

Aus der Unflexibilität zum mobilen Lehren und Lernen

( Text: Andreas Hofmann erschienen in L.A. Multimedia, Heft 4/ 2012)
Die Englandfahrt steht bevor. Ich selbst bin großer London Fan und habe mich durch Youtube-Videos, Fotos von vorherigen Fahrten und meine unterrichtsvorbereitungen in Stimmung gebracht. Ich würde am liebsten genau jetzt losfahren. Diese Euphorie möchte ich nutzen, um meine Klasse auf die Reise vorzubereiten. Sie sollen Referate zu verschiedenen Sehenswürdigkeiten erstellen, diese der Klasse präsentieren und es soll gemeinsam mit Google Maps eine Sightseeingtour erarbeitet werden. Super Plan, finde ich!

Nun … Was muss ich tun? Raum buchen! Negativ, es ist Sonntag und dafür fahre ich jetzt nicht 20 km in die Schule. Das Risiko muss ich tragen und am besten sehr früh in der Schule sein. Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Muss also klappen. Juhu, es hat geklappt. Den PC Raum konnte ich vor der ersten Stunde buchen. Die dritte Stunde soll es sein. Die Kinder warten geduldig vor dem Computer Raum, die Spannung steigt. Wird es klappen?

Die Rechner fahren hoch – naja – der Großteil. Einige bleiben hängen, andere aktualisieren, wieder andere bleiben schwarz. Komiker haben die Kabel vertauscht, Stecker gezogen. Ich flitze durch den Raum, um die zunehmenden Beschwerden meiner Schüler zu bedienen. Der Beamer muss noch angeschaltet werden! Wo ist die Fernbedienung? Weg. Okay, ich steige auf den Tisch, mein Pullover rutscht hoch, freie Sicht auf Hofmanns Bauch. Ein Lacher rettet die Situation. Die Rechner sind weitgehend hochgefahren. Die Kinder haben ihre Arbeitsaufträge und legen los … Es dauert nicht lange und erste Flash-Player Probleme tauchen auf. Die Schüler rücken mehr und mehr zusammen, da immer weniger Rechner wirklich genutzt werden können. Nach kurzer Zeit versuchen einige Schülergruppen, Daten lokal zu speichern. Leider motzen einige Wächterkarten und melden, wir hätten nicht die ausreichenden Rechte dazu. Ich flitze mit demUSB Stick durch den Raum. Google Maps zwingt das Schulnetz in die Knie, so dass ich Internet-Zeiten verteilen muss. Alle Gruppen gleichzeitig klappt definitiv nicht. Die Ergebnissicherung steht an. Ich suche den Laserpointer, der im PC Raum sein sollte und finde ihn. Hurra. Die Freude währt nicht lange … Der rote Punkt bleibt aus. Die Batterien scheinen alle zu sein … ha, darüber lache ich, denn ich habe Ersatzbatterien in der Tasche. Jahrelange Erfahrung haben mich zum gebrannten Kind werden lassen … Ich frickel die Batterien rein und es kann losgehen. Die Stunde geht zu Ende, die Kinder hatten ansatz- weise Spaß bei der Arbeit, von Euphorie kann leider keine Rede sein. Ich für meinen Teil habe die Faxen dicke, bin durchgeschwitzt und frustriert. SO kann digitale Arbeit an Schulen nicht funktionieren.

Diese und ähnliche Situationen kennen vermutlich viele Lehrerkollegen. Und ich war mir vor drei Jahren sicher, dass ich diesen Umstand nicht länger hinnehmen konnte. Die Bedeutung des Internets, die Vielzahl an Möglichkeiten toller Online Tools und so weiter ließen mich umdenken. Ich wollte Autarkie für mich und meine Klasse! Ich wollte keine Raumbuchungen mehr, keine Ausleihen, keine Rennerei, keinen Stress. Es gab für mich nur noch eine Lösung, jedes Kind musste ein eigenes mobiles Gerät haben und ich Computer, Internetzugang und Präsentationsfläche in meiner Klasse. Punkt! Sechs Monate lang fuhr ich zu jeder Veranstaltung, die sich mir bot, nahm Kollegen mit, um sie von meiner Idee zu überzeugen und auf breitere Füße zu stellen. Ich fuhr wirklich in die hintersten Ecke Niedersachsens, um zum großen Teil sehr interessante Informationen zu erhaschen. Hierbei kam mir das Referenzschulensystem der Initiative n21 sehr zu Gute, denn hier wurde und wird von Schulen für Schulen viel angeboten. Nach vielen Ge- sprächen mit Schulleitung, Kollegium und Schulträgern suchten wir eine Klasse für dieses Projekt aus, die sozusagen mich nur bekamen, wenn Sie dieses Projekt tragen würden. Naja, so ein wenig sozialen Druck habe ich schon ausgeübt, aber muss man das nicht manchmal, um gute Ideen zu realisieren? Die Eltern waren schnell im Boot, der Schulträger sehr kooperativ (dem Konjunkturpaket sei Dank), die Schulleitung kritisch aber überzeugt, und die Reaktionen der Kollegen reichten von begeistert bis kopfschüttelnd. Besonders die Idee, eine Elternfinanzierung anzustreben, wurde vielfach belächelt, was sich als gänzlich unbegründet erwies. Die Eltern waren durchaus bereit, monatlich für die mobilen Endgeräte zu bezahlen und erwiesen sich in meiner Klasse als wesentliche Stütze für mich. Experimente (auch missglückte) wurden kritiklos akzeptiert und nicht selten erhielt ich sehr aufmunternde Mails, wenn ich mit dem Verhalten der Kinder, der Technik oder mit mir selbst unzufrieden war. Die Eltern glaubten an mich und die Idee. Eine tolle Erfahrung! Eine Mail mit einer mp3-Datei und dem Lied „You will Never Walk alone“ werde ich wohl nie vergessen.

Ein großes Problem ist sicherlich das Kollegium. Unser Kollegium zeichnet sich eigentlich durch weitgehendes Interesse und eine Offenheit aus, die neuen Dingen gegenüber aufgeschlossen ist. Den- noch galt es, taktisch clever vorzugehen, da der Schritt, eine mobile Klasse einzuführen, weitreichendere Folgen für eine Schule hat, als mir selbst bewusst war. Neben der Raumausstattung wurde nun der Einsatz der digitalen Whiteboards als wunderbare Ergänzung angesehen. Darüberhinaus musste dringend WLAN her, was nicht einmal ansatz- weise vorher angedacht war. Dies erwies sich nur als sinnvoll in Verbindung mit einem schuleigenen Server. Und das macht ja wiederum nur wirklich Sinn, wenn die Schule über eine saubere Serverlösung verfügt. Wir haben uns übrigens für IServ entschieden. Zusammengefasst heißt das: Server, IServ, Notebookklassen, digitale Tafeln, WLAN. Und das alles innerhalb weniger Monate. Das bedeutet sehr viel Ängste und somit viel Aufklärungs- und Fortbildungsbedarf. IServ erwies sich als Kinderspiel; die Vorzüge wurden sehr schnell erkannt und es setzte sich flächendeckend ziemlich problemlos durch. Kolle- gen sahen schnell einen Mehrwert für sich selbst und daraus ergab sich die Akzeptanz. Die Administration und Einrichtung des Servers übernahmen Leute von außerhalb und stellten auch wenig Probleme dar. Die Verwaltung der Schüler übernahm ich selbst.Die Notebookklasse wurde anfangs ausschließlich von freiwilligen Kollegen unterrichtet, die, wie wir alle, mit Freude und (gelegentlich) Frustration experimentierten. Das größte Problem stellte und stellt auch nach Jahren nach wie vor die Umstellung auf die digitalen Präsentationssysteme dar. Es gibt schlichtweg zu viele Probleme, Stolperfallen und Unsicherheiten bei vielen Kollegen, auch nach zahlreichen Fort- und Weiterbildungen. Meine Zwei- fel diesen sehr teuren Systemen gegenüber wachsen von Monat zu Monat, um ehrlich zu sein. Unterrichtlichen Mehrwert mit Geld aufzuwiegen ist sicherlich Unsinn, aber ich frage mich oft, ob nicht ein Beamer ausreicht. In den iPad Klassen hat sich dieses Thema glücklicherweise ohnehin erledigt. Dazu aber später.

Das Notebookprojekt hat sich seither ausgedehnt, wir haben weitere zwei Notebook- beziehungsweise Netbookklassen eröffnet, was die Schule anhand eines Schulvorstandsbeschlusses verankert hat. Nachhaltigkeit ist hierbei wesentlich. Ich frage mich tatsächlich manchmal, was sein wird, wenn ich nicht mehr an der Waldschule unterrichte. Stoppt das Projekt? Oder ist das Projekt gar kein Projekt mehr, sondern tatsächlich Teil des Schulkonzeptes?

Neben den iPad Klassen haben wir nun also fünf mobile Klassen, das entspricht etwa einem Viertel aller Schüler der Schule und mehr als 50 Prozent aller Kollegen, die in einer mobilen Klasse unter- richten. Und es gibt sie immer noch, die Kollegen, die es ablehnen, dieses Medium zu nutzen. Ich frage mich ganz ehrlich, wie kann es sein, dass wir als Lehrer im Jahre 2012 tatsächlich noch über Sinn und Unsinn des Implementierens digitaler Medien in den Unterricht beziehungsweise Alltag diskutieren? Ich stehe teilweise sprachlos vor veralteten Büchern, nicht zeitgemäßem Einsatz von Medien und Widerständen, die nichts mit der Lebenswelt unserer Schüler zu tun haben. Gerade gestern sollte ich meine erste Werte und Normen Stunde unterrichten und besorgte mir das Ethik Buch. Ich war angesichts der Themenvielfalt hellauf begeistert. Medien, Technik, Leben, Tod, Sinn des Lebens, tolle Themen. Beim Blick auf die Einheit „Medien“ musste ich allerdings lachen. Meine Frage in die Klasse, wer denn Mutter Beimer und Else Kling noch gerne und regelmäßig sonntäglich anschaut, stieß auf komplettes Unverständnis und ich sah in verständnislose und mich bedauernde Kinderaugen.

Vor sechs Monaten starteten wir auf meine Initiative hin den Versuch, eine Tabletklasse zu installieren. Die Wahl fiel schnell auf das iPad. Ich gebe zu, ich habe nur halbherzige Versuche gestartet, anderen Tablets eine reelle Chance einzuräumen, aber das lag vornehmlich daran, dass ich selbst meinen Workflow bereits Monate vorher auf das iPad um- gestellt hatte und komplett überzeugt war. Als Klassenlehrer einer mobilen Klasse hatte ich nach über zwei Jahren auch genug Erfahrungen gesammelt, dies beurteilen zu können. Und darüberhinaus hatte ich auch genug Arbeit mit den mittlerweile über 200 im Netz angemeldeten Geräten. Aus dieser Überlegung heraus, sprich der administrativen, ensprang der Wunsch nach Veränderung. Eine Computer AG unterstützt mich zwar bei der Wartung und Instandhaltung der in die Jahre gekommenen zwei PC Räume und übernimmt mittlerweile auch die Installation und Spiegelung der Schüler Rech- ner. Ohne diese wäre ich längst an meine Grenzen gekommen. Trotz dieser Hilfe ist die Selbstadministration der iPads ein wesentlicher Faktor, der für eine schulischen Nutzung aus nicht methodisch-didaktischer Sichtweise spricht. Ich kenne mittler- weile alle auf dem Markt befindlichen Viren und sehe auch darin einen großen Vorteil der iPads. Dazu aber mehr in der nächsten Ausgabe …

 

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