Am Fuße des Leuchtturms…

Am Fuße des Leuchtturms…

 

„Es ist nirgends so dunkel wie am Fuß des Leuchtturms.“ 

Dieses alte japanische Zitat (so sagt es das Internet) wurde neulich durch den Medienpädagogen Jöran Muuß- Merholz getweetet und ich war gedanklich sofort abgeholt. 

Ich blicke nun auf genau 10 Jahre digitaler Entwicklung an Schulen zurück. 2008 starteten wir an der Waldschule Hatten unter meiner (An)leitung unser 1:1 Schulprojekt (jeder Schüler hat ein eigenes digitales Werkzeug), das sich zum Schulprofil gemausert hat. Nun ist es verpflichtend, ein Tablet anzuschaffen, wenn man an unsere Schule möchte. Klingt einfach, war es aber nicht. Darüber hinaus habe ich als medienpädagogischer Berater des Landes Niedersachsen sowie als freier Berater und Trainer bundesweit viele Schulen und Projekte betreut und viele Eindrücke gewonnen. 

Ich mache es kurz: Die Zeit für Leuchttürme und Piloten ist vorbei! 

Jahre lang wurden Projekte gestartet, evaluiert, Piloten angesetzt, evaluiert und wieder neue Leuchttürme aufgestellt. Diese meistens nicht evaluiert. Grundschulen – Sek 1 – Gymnasien – Berufsschulen – Universitäten – Ausbildungsbetriebe. Wenn ein Projekt das Geld bekam, war es meist nur eine Frage der Zeit, bis die anderen Schulzweige ebenfalls Ansprüche geltend machten. Und so bauten sich über viele Jahre unzählige Leuchttürme und Insellösungen auf. Quer über die analoge Republik verteilt. Als Referenzen und Aushängeschilder wurden sie Jahre lang überrannt und kamen den vielen Anfragen kaum nach. Meine Schule war eine davon. Horden von Kolleginnen und Kollegen kamen in die Schule, staunten und waren begeistert ob der unglaublichen Möglichkeiten digitaler Technik. Privatschulen rüsteten sogar noch weiter auf und bezeichneten sich als „iPad- Schulen“, was den hungernden Besuchern die Tränen in die Augen schoß und den Faktor Neid ansteigen ließ. Warum die und nicht wir? Es gab über die Jahre hinweg Projekte des Bundes, des Landes, diverser Schulträger, Initiativen, Stiftungen oder auch von Firmen. Letzteres ist sicherlich aus Sicht der neutralen Schule die denkbar schwierigste Wahl aber oftmals und zunehmend die einzige. 

Was also geschieht mit all den Leuchttürmen? Scheinen sie so hell, dass die anderen Schulen unfallfrei in den Hafen der digitalen Bildung gelangen? Oder fehlt das Geld zum Auswechseln der Glühlampen? 

Ich habe unzählige dieser Schulen kennengelernt und komme zu einer ernüchternden Erkenntnis: Die hellsten Leuchttürme haben oft erschreckend wenig Substanz. Mit Substanz meine ich einen Leitfaden, eine Vision bis hin zu einem gelebten Konzept. Nein, nicht die Art Konzept, die für die Schulinspektion alle zwei Jahre aufgehübscht wird und wieder in der Schublade verschwindet, sondern ein dynamisches, nachhaltiges Konzept. Es darf kein ausschließliches Medienbildungskonzept sein, es muss eine umgesetzte Vision sein, die digitale Medien natürlich in den Schulentwicklungsprozess integrieren. Digitale Technik sind wesentlicher Teil des Schulentwicklungsprozesses. Sie sind die digitale gesellschaftliche Transformation, die plötzlich in den sich standhaft wehrenden Schulen auftauchen. Sie sind nicht mit einem Medienkonzept abzudecken, das käme ihrer Bedeutung nicht ansatzweise nach. Sie gehören in jedes bestehende Konzept der Schule. Sie sind nicht Antwort für alles aber oftmals Ergänzung und Erweiterung des Bestehenden. Oftmals sogar Neudefinierung. Das macht Angst und bereitet Arbeit. Viele Leuchttürme stehen auf den großen Bühnen der Bildungsevents, zeigen hübsche Bilder fröhlicher Kinder, die ihr Glück kaum fassen können, weil sie nun Tablets einsetzen dürfen und nutzen die hipsten Begriffe und Buzzwords.  Was aber dahinter steckt ist oft ernüchternd. Natürlich, klappern gehört zum Handwerk. Das erklärte mir mein Papa bereits in jungen Jahren und ich verstehe das Spiel mittlerweile. Ich respektiere es. Dennoch sollte nur der laut klappern, der Substanz hat. Es sind bundesweit mittlerweile zig Tausend Tablets im Einsatz, eine genaue Zahl weiss niemand. Fakt ist aber, dass die geringe Hemmschwelle und der attraktive Preis der Tablets seit über 5 Jahren eine rasante Veränderung vielerorts mit sich brachten. Wie nachhaltig aber ist dies an vielen Schulen und besonders an den Leuchttürmen? Neben den genannten Visionen und Konzepten ist das eigentliche Problem nicht etwa nur die mangelhafte Infrastruktur, wie viele Lehrer es gerne behaupten. Es geht nämlich auch mit guten, nicht professionellen Lösungen. Verstehen Sie mich nicht falsch, genau wie ich denke, dass die Zeit für Leuchttürme vorbei ist, denke ich, dass die Zeit für Dilettantismus vorbei ist. Dennoch gibt es zwei Möglichkeiten für Schulen: Motzen und Ausharren oder „einfach mal machen“ und die Anforderungen der zunehmenden Digitalisierung als Chance begreifen. Kleine Schritte sind ohnehin erforderlich, um den Transformationsprozess in den Schulentwicklungsprozess zu integrieren. Warum also immer von Idealbedingungen ausgehen statt loszulegen? An dieser Stelle werde ich viel Kritik ernten, aber ich bin nach wie vor sicher (und war es vor zehn Jahren schon), dass Schulträger und Kommunen nur dann Hand in Hand mit einer Schule gehen, wenn diese Enthusiasmus und Bereitschaft zeigt. Herzblut und Leidenschaft sind dabei zwei wichtige Faktoren, die Türen öffnen. Nicht nur bei den Kindern und Eltern, sondern auch bei den lokalen Playern, der Politik usw. Diese Leidenschaft braucht initial keine infrastrukturelle Komplettlösung, denn sie ist ebenfalls ein Prozess. Der digitale Wandel beginnt und entwickelt sich im Kopf und hat erst einmal mit einem Tablet wenig zu tun. Die gesellschaftliche Transformation erfordert neue Kompetenzen, die bereits formuliert sind und über die weitgehend Einigkeit herrscht. Schulen brauchen Visionen! Eine Vision mit Leben zu füllen allerdings benötigt Zeit, Freiräume, ja und auch Gelder. Die Kolleginnen und Kollegen sehen zum größten Teil noch nicht einmal die Notwendigkeit der Medienbildung, was mir mittlerweile nicht mehr abverlangt als ein Kopfschütteln. Nicht das ob, allenfalls das wie zählt noch. Und das wann. Und letzteres ist einfach definiert: Jetzt sofort! Ohne Kompromisse. Unsere Lehrerinnen und Lehrer brauchen Impulse, ja, vielleicht sogar von den besagten Leuchttürmen. Es stehen ja genügend rum. Generell müssen sie sich aber vernetzen, voneinander lernen, Ideen tauschen, Einblicke gewinnen, diskutieren und streiten. 

„Eine Schwalbe macht noch keinen Sommer.“ Genauso wenig wie eine iPadklasse oder eine Medien-AG nachhaltige Medienbildung macht! Medienbildung ist eine fächerübergreifende Aufgabe, die eine Schule nicht in Form einer AG abdecken kann. Weder in Form einer Schüler- AG, noch in Form einer Lehrer- AG. (Digitale) Medien sind überall und sie müssen auch so behandelt werden. Jede einzelne Arbeitsgruppe muss sich der Thematik stellen, nicht nur die AG „Medienkonzept“. Warum sollte man die Inklusion losgelöst von den methodisch- didaktischen Möglichkeiten digitaler Technik betrachten? Wie sollte ein zeitgemäßes Methodenkonzept entstehen, wenn dort digitale Technik nicht wie selbstverständlich eine Rolle spielt? 

Vor ein paar Jahren beriet ich Schulen dahingehend, sie sollen ein, zwei Tabletklassen ausstatten, Erfahrungen sammeln und dann konzeptionell ausweiten und auf ein Fundament stellen. Heute tue ich dies nicht mehr. Diese Pilotklassen sind nichts anderes als meine oben aufgeführten Leuchttürme. Sie sind inkonsequent und allzu oft aus Sicht der Träger und Politik Zeitaufschub. „Machen wir mal einen Piloten, dann evaluieren wir ihn und nach 3 Jahren starten wir dann breiter.“ Nein, dies passiert in der Regel nicht. Und das wissen die Politiker auch vermutlich. Hier wird auf Zeit gespielt und die Zeit haben wir nicht mehr. Wir brauchen Visionen und auch die Politik braucht Menschen mit Visionen. Diese Vision muss auf dem Verständnis basieren, dass der digitale Wandel ein gesellschaftlicher ist, dem JETZT und HIER jede Bildungseinrichtung des Landes nachzukommen hat. Und damit meine ich keine Hochglanz- Kick off- Veranstaltungen der jeweiligen Bundesländer, die nun offiziell ihre Bildungsoffensiven- und Strategien präsentieren, sondern das aufrichtige Interesse an Bildung. Bildung nicht als politischer Selbstzweck sondern als gesellschaftliche Herausforderung. Nur so werden zweifelnde und ängstliche KollegInnen erkennen, dass auch ihr Spiel auf Zeit zum Scheitern verurteilt  ist und ein Handyverbot es auf Dauer nicht schafft, dieses Thema aus ihrem Schulalltag zu halten. Die Ministerien müssen es vorleben, Vorgaben machen, Gelder bereitstellen, Infrastrukturen aufbauen. Parallel dazu aber müssen wir uns vernetzen, uns selbst und unseren Unterricht hinterfragen und uns Zeit nehmen (und diese bekommen), diesen Schulentwicklungsprozess zu beginnen. Dieser Prozess ist ein herausfordernder aber vor allem ein spannender. Er erfordert Zeit, Mut und die Bereitschaft, Dinge zu verändern, die „immer so waren“. Und das schließt nicht zuletzt das Verständnis unserer eigenen Lehrerrolle ein. 

Comments ( 6 )

  • Michel

    Lieber Andreas,

    ich muss gestehen, dass mich dein Artikel elektrisiert hat. Den Eindruck (“Die Zeit für Leuchttürme und Piloten ist vorbei!”) verkünde ich auch schon seit einiger Zeit aus ähnlichen Gründen. Ich habe eher den Blick von Schulträgern und erlebe täglich, dass die wirklich „wollen“. Sie wollen „ihre“ Schulen in der Fläche unterstützen. Dafür nehmen die Schulträger die ich kenne auch gerne Aufwand und Geld in die Hand.
    Ich bin aber mittlerweile soweit, dass ich Leuchttürme teilweise eher kontraproduktiv sehe.
    Eigentlich sollte man annehmen, dass die Leuchttürme anderen Schulen den Weg in die Digitalisierung weisen. Aus schulischer Sicht beschreibst du einen Teil der Problematik. Bei den Schulträger ist die Problematik etwas anders. Ich höre dort häufig so Sätze wie: “Ja, die Leuchtturm-Schule kennen wir. Die machen immer ihr eigenes Ding.” oder “Das ist ja alles super was die Leuchtturm-Schule da macht aber wie sollen wir das bezahlen. Wir können deren Konzept und Ausstattung für alle unsere Schulen gar nicht finanzieren.” oder “Das Land hat versprochen das wir dafür Geld bekommen aber wann ist unklar.”
    Ob das nun valide Argumente sind oder nicht kann ich gar nicht immer sagen. Die Argumente werden aber seit Jahren regelmäßig genannt und deshalb muss ich sie berücksichtigen. Für mich bedeutet das deshalb folgendes:
    1. Ich werbe an jeder mir erdenklichen Stelle um insgesamt mehr Geld im Bildungsbereich.
    2. Schulen vernetzt euch! Mit Schulträgern, mit Ministerien und natürlich mit anderen Schulen.
    3. Professionalisiert die IT-Infrastruktur wie teilweise auch von dir beschrieben in kleinen Schritten.
    4. Denkt IT-Infrastruktur schulübergreifend und am besten sogar trägerübergreifend.
    5. Legt los und wartet nicht! Die Zeit ist reif und es passiert gerade wirklich viel im Bildungsbereich!

    Ich bin vielleicht zu ungeduldig aber meine Vision ist, dass wir irgendwann keine Leuchttürme mehr benötigen. Die Schul-Schiffe sind dann alle so agil und intelligent vernetzt, dass sie sich untereinander schon vorab vor Untiefen und Unwägbarkeiten warnen.

    Gruß
    Michel

  • Ulf

    Lieber, Andreas, lieber Michel, DANKE für den erfreulich unaufgeregten Realismus. Vollste Unterstützung von einem, der seit mittlerweile 20 Jahren immer neue Leuchttürme in die Bildungslandschaft gestellt hat 😉 Die Metapher finde ich übrigens recht schräg. Leuchttürme sorgen in der Regel dafür, dass große Tanker sicher an ihnen vorbei navigieren. Wenn der Kapitän bis zum Fuß des Leuchtturms draufhält, gibt es: Schiffbruch.

  • Franz Vogl

    Da mag vieles Stimmen, aber im Süden sind wir endlich weiter. Es gibt viel Geld vom Freistaat aber das wird wohl eher überall nach nicht klären Vorgaben per Gieskanne verteilt. Und da kommen die Schulen ins Spiel, die sich schon länger auf den digitalen Weg gemacht haben UND die anderen wirklich helfen könnten. Wir haben uns jedenfalls anregen lassen (vor 6 Jahren) und sind ganz gut unterwegs. Schade, dass alle das Digitalrad nach deiner Vorstellung nun wieder neu erfinden sollen. Wir haben’s einfach gemacht. Aber Zeithaben wir keine mehr. Deshalb sind so negative Kommentare wenig hilfreich. Vielleicht hättest du als Chef mehr erreicht, aber es geht auch anders. Kannst gerne am OMG Neufahrn nachfragen

    • Hofmann

      Ergänzung: Danke für dein nettes Angebot. Ich kenne viele tolle Schulen und maße mir an zu sagen, dass ich einen sehr großen Anteil am Standing meiner Schule diesbezüglich habe. Das haben wir aber seit 2008 aufgebaut. Wir haben 2018 und meine Aussage bezieht sich darauf, dass es keine neuen mehr braucht. In meiner Funktion als Berater sehe oder spreche ich fast wöchentlich Muster- Pilot oder Modellschulen und sehe leider allzu oft mehr einen Selbstzweck bei diesen Projekten als einen wirklichen Wert für andere.

  • Andreas Hofmann

    Hallo Franz

    ich verstehe die Aussage nicht, dass mein Beitrag negativ sei. Dann hast du ihn falsch verstanden oder du fühlst dich mit eurem Leuchtturmstatus zu sehr angesprochen.. Ich sehe auch in Bayern mit den paar Leichttürmen nicht als wirklich fortschrittlicher als andere Bundeslönder. Und klar kann man sich inspirieren lassen, da spreche ich ja von: Vernetzung. Dafür braucht es aber keine weiteren Projekte von Länder- oder was auch immer Seite mehr. Die Fläche muss erreicht werden. Die Schulen müssen sich konzeptionell alle selbst auf den Weg machen.

  • Beat Rüedi

    Ich “begleite” ein solches Leuchtturmprojekt (https://www.tablet-school.ch) mit einem Blog (https://rueedi.imnusshof.ch/lernenunterwegs/tabletsimunterricht/) und bin mit Ihrem Artikel inhaltlich vollumfänglich einverstanden. Das Lernen unter digitalen Bedingungen muss längst nicht mehr projektartig angegangen werden – respektive und viel besser gesagt: Lernen unter digitalen Bedingungen IST ein Projekt! Das zeitgemässe Lernen wird dann Einzug halten, wenn die Schule bereit ist, auch ausserschulische Orte als Lernorte anzuerkennen.

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