Selbstständigkeit zu Zeiten von Corona – ein Tagebucheintrag

Januar 2020: Ich sitze mit meinem Papa zusammen und erzähle ihm stolz, wie grandios die Selbständigkeit läuft, wie sehr ich darin aufgehe und nicht zuletzt, wie erfolgreich es auch finanziell ist. „Junge, mach das 5 harte Jahre und dann geh gemütlich wieder in die Schule und lass dich mit A14 pensionieren.“ Das waren seine nicht gänzlich kritikwürdigen Worte und Stolz sprach aus ihm. Er sieht seinen Sohn in Zeitungen und Bekannte sprechen ihn darauf an, dass sie mich kennen. Das mag Papa. 

Ein wenig war mir schon mulmig an Anbetracht meines ausgefüllten Kalenders 2020 und es kamen täglich neue Buchungen und immer größere Projekte rein. Und dann kam Corona… Schulschließung! Binnen eines Tages wischte der gesamte Kalender leerer und leerer, unzählige zum Teil untröstliche Kunden meldeten sich und sagten alles ab. Schwupp, der Kalender war binnen weniger Tage komplett leer und ich zuhause. Es machte mir vorerst keine Sorge, es war noch Butter auf dem Brot und der Kontostand ließ mich beruhigt in eine mehrwöchige Phase der Entspannung driften. Kein Wecker klingelte, ich musste nicht über Bahnhöfe rennen oder Flüge erreichen. Kein Stau, kein Blitzer, kein Führerscheinentzug. Es war schon ganz schön ruhig und ich gewöhnte mich schnell dran. Ich hatte meine Kinder und liebe Menschen um mich herum, ich lag auf der Couch und entdeckte Dinge, die ich zwei Jahre kaum zu Augen bekam. Ich entschleunigte komplett und genoß es in vollen Zügen. Ich dämmerte 3-4 Wochen in diesem Zustand vor mich hin, wechselte zwischen Jogginghose und Trainingshose und fing an, mir Gedanken zu machen, wie es weitergehen würde. Wer wusste das schon? Zaghaft kamen erste Anfragen rein, die Ratschlag suchend neue Wegen und Formate erforschten. Diese Anfragen gingen mir sehr nahe, weil ich eines erlebte: Solidarität. Es waren Firmen und Menschen, mit denen ich seit Jahren eng arbeitete, bei denen man aber nicht zwangsläufig von Freunden sprechen kann. Diese Menschen (und es waren einige) riefen an, fragten, wie es mir gehe und ob ich klar käme. Sie fragten, ob ich mit Ihnen neue Wege gehen würde und wir verlegten viele Sachen ins Netz. Man dachte nicht in erster Linie an mich, weil ich Dienstleister sein sollte, sondern weil Andi ein Mensch ist. Das war ein wundervolles Erlebnis und ich danke jedem einzelnen, der sich dahingehend bei mir gemeldet hat. Man erlebte in dieser Zeit übrigens auch ganz andere Erfahrungen, nämlich dass man für andere Menschen eben doch nur ein beruflicher Kontakt ist und das freundliche Lächeln auch so eingeordnet werden sollte, um nicht enttäuscht zu werden. Wenn es ums Geld geht, wird es schnell ruppig und noch schneller einsam. Der ganze Markt veränderte sich, neue Player kamen auf die Bühne und witterten Ihre Chancen, große Glitzer-Events wurden Online durchgeführt und alles war in Bewegung. Ich glaube, dies war der Moment, an dem ich merkte, dass ich den Schritt in die Selbständigkeit nicht so naiv angegangen war, wie ich selber manchmal glaubte. Ich spürte, dass ich mich nun positionieren und neue Wege gehen musste. Man musste Stirn zeigen, Ellenbogen ausfahren und zeigen, dass man da war. So tickt diese Welt außerhalb der Schule. Niemand will dort mit jemandem arbeiten, der sich schmollend zurückzieht und hadernd Corona für sein Schicksal die Schuld gibt. In diesen Tagen kam auch die spontane Idee, die Tagung mobile.schule (#molol) ins Netz zu verlegen und ich gab mir etwa eine Woche zwischen Idee und Durchführung, was herausfordernd wenn nicht gar idiotisch war, weil ich nicht wusste, was für ein immenser Aufwand hinter einer Online Tagung liegt. Gut, nicht jammern… hat super geklappt das Ganze und war ein riesiger Erfolg. Das haben wir nun seitdem 7 Mal durchgeführt und hatten immer zwischen 600 und 1000 Teilnehmerinnen. Aus dieser Erfahrung heraus öffnete sich ein ganz neues Geschäftsfeld. Ich plane nun Tagungen, Konferenzen, Dienstbesprechungen, Lesungen und Beratungsgespräche auf allen Ebenen. Verrückt, das muss dieses agile Arbeiten sein, wovon alle sprechen. 

Darüber hinaus habe ich auch angefangen, viel konzeptioneller zu arbeiten, Medienentwicklungspläne mit Schulträgern zu erstellen und führe da problemlos auch alle Gespräche mit den Schulen und Trägern online durch. Es geht so vieles, wenn mir auch seit etwa Mai/ Juni die Reiserei und vor allem der persönliche Kontakt sehr fehlen. Aber nun, ist so wie es ist. Geht ja fast jedem so. 

Durch meine Arbeit im betrieblichen Bereich hatte ich ja auch in den Sommermonaten die Chance, mal herauszukommen. Insgesamt aber hatte ich abends ganz oft ein schlechtes Gewissen, weil ich weder ermüdet vor dem Fernsehen einschlief noch das Gefühl hatte, wirklich etwas geschafft zu haben. Dieses Gefühl, etwas zu schaffen, hat sich komplett verschoben. Ich habe meinen eigenen Anspruch und meine Ziele neu definiert und erkenne an, dass auch Tage, an denen ich nicht 14 Sunden unterwegs bin, durchaus erfolgreich sein können. Nicht zuletzt auch finanziell. Ich glaube, dieses Lot musste ich finden und da hat mir Corona geholfen. Ich hatte kein Lot mehr, ich war nur noch Arbeitskraft und stopfte mir den Kalender mittlerweile bis zu fünf Tagen voll, dazu kam der sonntägliche Reisetag. Ich kann euch sagen, gesund ist das auf Dauer nicht und wenn ich Bilder von mir sehe, weiss ich, nein, auch für mich nicht. Ungesunde Ernährung, wenig Schlaf, viel Unruhe… man ist zwar nicht mehr 25 aber dennoch will ich diese Augenränder und diesen Bauch nicht. Ich arbeite gerne, mir macht dieser Job und die Vielfalt dessen einen riesigen Spaß, ich möchte aber nicht dafür auf der Strecke bleiben und viel wichtiger: alle Menschen, die mir wichtig sind, ganz vorne an meine Kinder. Ein schlechtes Gewissen ist zu der körperlichen Erschöpfung kein guter Begleiter. 

Im August ging es wieder auf die Piste. Herrlich. Autobahn, Stau, Blitzer, Bahn-Chaos. Vieles ist nicht wie vorher, die Deutsche Bahn und deutsche Autobahnen sind es auf jeden Fall. Nach meinem zu Coronazeiten gefahrenen Streckenrekord Oldenburg – Karlsruhe in 4h15 bin ich wieder bei mindestens 6h. Ätzend. Es erinnert mich so vieles an das deutsche Schulsystem… man erkannte die positive Veränderung und doch ging man zurück zu den alten Gewohnheiten. Und das schließt mich eindeutig mit ein. 

Als Selbstständiger, der aus dem Lehrerleben kommt, muss man einige Dinge auf jeden Fall lernen: 

  1. Es ist mein Beruf, nicht mein Hobby. Ja, das merkte man in Wochen des Chaos. Es geht hier um Existenzen, es geht hier um Zukunft und knallharte Zahlen. Um mein Lehrergehalt zu erreichen, brauche ich fast das doppelte Einkommen… da ich mich ja aber deutlich verbessern wollte, kann man sich ausrechnen, was das bedeutet. Da müssen auch mal Entscheidungen gefällt werden, die eben beruflich sind, nicht emotional, und nicht leicht fallen. Da muss man Wege alleine gehen und ganz oben an, man muss lernen, Befindlichkeiten beiseite zu schieben und fucking professionell zu werden. So ätzend das auch anmutet, ohne das gehst du unter. Denn in dieser Welt kann man das schwächste Glied der Kette nicht in den Nachmittagsunterricht stecken, wo man wenig Schaden anrichten kann, sondern du verschwindest schneller als du eine Telefonkette machen kannst. 
  2. Lerne deinen Wert kennen! Mein Stundenlohn als Lehrer ist leicht auszurechnen, mein Gehalt steht im Internet und ist einsehbar. Man weiss was man leistet aber leider weiss das die Allgemeinheit nicht immer. Wie auch immer mein geringes Selbstbewusstsein zustande gekommen sein mag, man muss dies beiseite legen und „Hintern in der Hose haben“. Das ist sehr schwierig, weil man es nicht kennt zu verhandeln und nein zu sagen. Man kennt es nicht, für seinen Wert zu kämpfen und auszuhalten, dass man drunter nicht arbeitet. Es ist aber essentiell und existenziell, weil man sonst früh einen Standard legt, aus dem man schwerer rauskommt als man ursprünglich reingekommen ist. Ich habe eine pädagogische Ausbildung, ich habe in 15 Jahren methodisch-didaktisch viele Erfahrungen sammeln könne, ich kann mit Widrigkeiten umgehen als Hauptschullehrer und ja, ich kann auch gut organisieren. Das war ständiger Teil meiner Arbeit. Diese Qualitäten braucht es an vielen Stellen, stellt euer Licht nicht unter den Scheffel!

Was aber nur lausig gefördert wird im Bildungssystem ist etwas, das vermutlich mein größtes „Pfund“ ist: mein Netzwerk. Der Blick in alle Welten und aus allen Welten heraus ist es wohl, der mir neue Wege zeigt und Türen öffnet. Das fiel nicht vom Himmel aber war auch nicht geplant. Es ist nun da, ein riesiges Netzwerk bestehend aus allen unterschiedlichen Mitstreitern im Bildungsbereich. Und glaubt mir, dies ist der schwerste Teil an dem Ganzen. Die richtige Balance aus Authentizität, glücklich sein, Wirtschaft, Schule… überall beherrschen Gegensätze die Diskussion. Microsoft vs Apple, Gymnasium vs Gemeinschaftsschule. Analog vs digital. Ökonomie vs. Neutralität. Ich versuche mit allen Kräften, diesen Balance- Akt so zu gehen, wie ich es vertreten kann. Idealismus vs. Wirtschaftlichkeit vs. Moral. Auch keine leichte Gegenüberstellung. Aber wie es bei vielen Dingen ist, Transparenz hilft oft weiter. Was ich während des Lockdowns aber auch erfahren musste ist die Tatsache, dass dies die Achillesferse eines jeden im Bildungsbereich Tätigen ist. Hier wird am meisten geschossen und geunkt. Muss man aber mit leben, denke ich. 

Was ist eigentlich mein Fazit bzw. finde ich meinen roten Faden wieder? 

Ich habe sehr viel gelernt, habe nicht zuletzt meine eigenen Stärken kennengelernt. Meine Schwächen sind so offensichtlich, dass ich die nicht neu finden musste. Ich habe zwischen Freund und Arbeitskollegen unterscheiden gelernt. Ich habe gemerkt, dass dieser neue berufliche Weg genau mein Ding ist. Ich liebe es, diese Vielfalt aus Training, Beratung, Schule, Betrieb, Organisation von Events, Konzepterstellung und und und. Es ist jeden Tag wie im Referendariat, ich muss echt den nächsten Tag vorbereiten. Ja ja, ihr Lehrer tut das natürlich seit vielen Jahren auch, keine Frage. 😉 

Mein Papa sprach von 5 Jahren harter Arbeit… ich persönlich sehe keinen Weg zurück im Moment. Mir macht es zu viel Spaß, es ist zu erfolgreich. Ich mag es, finanziell unabhängig und frei zu sein und ich lerne so viele tolle Menschen kennen. Das möchte ich weiterhin so machen. Aber wie ich anfangs sagte, ich bin ja nun super agil, lebe in einer VUCA Welt und man nennt mich mittlerweile Pionier, was ich allzu übel finde, weil es mich noch älter macht als ich bin. Eines aber kannst du nicht bringen, wenn du dich selbständig machst: „einfach mal machen“. Niemals würde ich diese Mentalität irgendjemandem ans Herz legen und finde sie im Bildungsbereich wie auch im „echten Leben“ gefährlich. 

Corona ist und bleibt ein Arschloch aber gut vernetzt und mit Neugierde und Mut geht es immer weiter, es öffnen sich neue Türen und spannende neue Aufgaben schneiden alte Zöpfe ab. Glaubt mir dieses eine Mal. 🙂