Und was ist deine Motivation?

Und was ist deine Motivation?

Ein Thema, das mich seit diesem Sommer umtreibt, ist Motivation. Motivation dafür, Schule zu verändern, Bildung in der digitalisierten Welt weiterzuentwickeln, Nerd- Krams zu machen oder einfach nur zeitgemäß zu unterrichten.

Mir ist durchaus klar, mit diesem Artikel nicht alle Menschen glücklich zu machen und ich bin mir bewusst, Gefahr zu laufen, anzuecken. Aber ich verweise auf das Zitat einer netten jungen Dame nach einem Vortrag „so ruppig wie bei Twitter biste ja in echt gar nicht“. Tatsächlich denke ich viel über diese Aussage nach. Und das sicher nicht wegen mangelnden Selbstbewusstseins, sondern auch wegen der Frage: “warum mache ich das hier eigentlich alles und wie?“

Ich sehe im Bereich der Bildung unter den vermeintlichen „Pionieren“ der Bewegung Strömungen, die ich zum Teil sehr zweifelhaft finde und weise ausdrücklich darauf hin, dass einige der Strömungen sehr wohl auch schon in meinem Kopf Platz hatten und ich einige sicherlich auch bereits bedient habe. Ich schrieb neulich bereits darüber, dass die Zeit der Leuchttürme vorbei sei… was passiert allerdings? Es bilden sich neue Leuchttürme, es werden neue Netzwerke gebaut, in denen sich Schulen befinden, die ohnehin schon andere Titel, Preise und sonstige Lorbeeren eingeheimst haben. Man befruchtet sich vermeintlich gegenseitig und doch so gerne selbst. Ich saß bei vielen dieser Gespräche am Tisch… es ist oft ein höher, schneller, weiter. Ein „bei uns geht es so“ und „wir haben das so gemacht“. Dabei fiel mir mehr und mehr auf, dass es gar nicht darum ging, den Anderen zu erhören, wichtige Impulse zu bekommen, sondern die eigene Geschichte los zu werden. Wieder und wieder. Es ging und geht in diesen Netzwerken leider allzu oft um sich selbst. Wie profitieren dann Schulen, die diese Preise nicht eingeheimst haben, diese Bühne nicht bekommen, von diesen Erfahrungen? Meistens gar nicht. Ist oft auch nicht Ziel dieser Netzwerke, da man sich natürlich mit Success Stories rühmen muss möchte. Man stellt nicht die Loser auf die Bühne, sondern die, die am lautesten trommeln, die vermeintlich Besten. Hier nehme ich die Idee der Motivation wieder auf. Warum machen Schulen und Lehrer das? Warum sind Preise so wichtig? Warum ist die Bühne so relevant? Und ist nicht oft genau diese Bühne plötzlich die eigentliche Motivation und lässt die schulentwicklerische Komponente in den Hintergrund treten? Ich nehme den Wunsch vieler Lehrer sehr ernst, Beachtung zu finden, Lob zu bekommen und für ihre Arbeit Anerkennung zu erfahren…  in dem System Schule hat es das viel zu wenig. Wir predigen, dass Schüler gelobt werden müssen, bekommen dieses Lob aber höchst selten. Und nach 25 Dienstjahren kommt die Urkunde… 

Ich verstehe diesen Wunsch. Nur sehe ich genau da das Problem. Es basiert, wie das Schulsystem insgesamt, auf Wettbewerb und auf Nischenfindung. Schulleiter und Schulleiterinnen präsentieren ihre Schulen als Leuchtturm einer Region, landesweit führend und bundesweit ausgezeichnet… und der Blick hinter die Kulissen lässt allzu oft die bittere Realität zu Tage treten, weil sich nämlich die öffentliche Wirkung nicht ansatzweise mit dem Mindset des Kollegiums deckt. Und doch werden diese Schulen, diese Persönlichkeiten umworben. Sie werden eingeladen, sitzen plötzlich in politischen Gremien, werden hofiert durch Stiftungen, Initiativen und Firmen und leben „la dolce vita der digitalen Szene.“ Nun meine Frage: Was ist deine Motivation? 

Twitter offenbart dieses Phänomen ungefiltert. Man ringt in der Digi- Szene nach Anerkennung und Alleinstellung und sucht nach Nischen. Es werden Gruppierungen formiert, die sich an der Jugendkultur orientieren, hippe Bezeichnungen gefunden und alles scheint ein wenig wie in einer Schulklasse. Man sucht die coolen Freunde, die mit den wilden Frisuren, zerrissenen Jeans oder eben die Hübschen der Klasse. Man grenzt sich ab. Man signalisiert nach aussen, dass man eine Clique ist, in die natürlich offiziell jeder rein kann, die aber sehr wohl einen inneren Kern hat, einen inner circle. Man findet Nischen, die man nun besetzt, um sich von den Anderen abzugrenzen und sei es noch so skurril. Es gibt die Säue, die Hipster, die Punks, die Flipper… ja, es gibt sogar eine Nische für QR Code- Experten und nicht nur digitale Lehrer (was auch immer das sein mag), sondern „die digitalsten“. Es ist schon verrückt. Und wieder meine Frage: was ist deine Motivation? Die Nische, in der ein wenig Fame abfällt oder ist es tatsächlich der Wille und die Vision, Schülern einen großartigen Unterricht zu bieten und/ oder die eigene Schule auf dem Weg der Schulentwicklung voran zu bringen? Ich weiss es ganz oft nicht, wenn ich mir die Gespräche anschaue. Wofür erbaut man eine Marke? Warum bewegen sich dermaßen viele Digi- Menschen in bewusste Nischen, die vermeintlich unbesetzt sind? Ist es der Wunsch nach Anerkennung oder nach wirklicher Veränderung? 

Während ich dies schreibe, schaue ich zurück… sechs Jahre genau. 2012 starteten wir als eine der allerersten Schulen mit Tablets: Nach vielen Jahren Notebooks in 1:1 Setting. Das war aber nicht mehr hip. Tablets waren hip. Es veränderte mein komplettes Leben und ja, ich wurde auch auf jede Bühne gezerrt, ich habe meine Erfolgsgeschichte erzählt und irgendwann gemerkt, dass es mir gar nicht mehr wirklich um den Kern ging: den Unterricht und die Kinder.  Ich genoß die Aufmerksamkeit, genieße sie immer noch. Wäre ja auch merkwürdig, täte ich das nicht. Aber ich habe mich rausgezogen aus meiner originären Aufgabe, dem Unterrichten. Die Geschichte ist ja gegebenenfalls bekannt und soll nicht heissen, dass das der richtige Weg ist, aber ich war nicht mehr glücklich als Lehrer, denn die Kids waren weit weg. Das wollte ich damit sagen. 

Ich habe mittlerweile das Spiel verstanden und weiss, dass Klappern zum Handwerk gehört. Alles fein. Schulen kämpfen um Lehrerstellen, Schülerzahlen und damit verbundene Gelder. Aber bitte, es darf nicht soweit kommen, dass die „digitalste Schule der Hemisphäre“ und Superlative im Bereich der Digitalisierung dazu führen, dass vor lauter Klappern nicht mehr das Unterrichten im Auge behalten wird. Schaut euch mal die Preisträgerschulen im Netz an… wenige Schulen haben nur einen Titel. Preise und Titel sind oft Plaketten, nicht das öffentliche Bekenntnis, anderen Schulen als Beispiel zu dienen. 

Ich empfinde es als großes Geschenk, mithilfe digitaler Technik Unterricht zu verändern und finde es mehr als richtig, daraus eine riesige Motivation für sich zu schöpfen. Das ist nicht nur wichtig, sondern existenziell. Diese Faszination und manchmal leichte Technikverliebtheit ist bei vielen Kolleginnen und Kollegen schön anzuschauen. Leider scheint es oft auch dabei zu bleiben. Ja, wir sprechen viel über Kahoot und co. bei Twitter und irgendwie ist es auch schon ausgelutscht, aber genau das sehe ich hier immer wieder bei Schulbesuchen und Schulungen: die Motivation ist die technische Veränderung, das Chi Chi, weniger die konzeptionelle Änderung, die hinter der eigentlichen Transformation steht. Die macht nämlich keinen Spaß und blinkt nicht so verlockend. Ich bin gerade erst zwei Jahre aktiv bei Twitter und bereits nach weniger als einem Jahr war ich müde von der 8. QR Code Rallye und dem drölfsten Gamification- Ansatz. Nicht weil ich diese Ideen nicht auch aufgesogen hätte, nein, weil es oft nur darum geht, sich zu promoten. Versteht mich nicht falsch, da ist tendenziell nichts auszusetzen gegen, aber ist es nicht mehr erwünscht, dass wir uns kritisch hinterfragen? Muss alles, was gepostet wird, kritiklos beglückwünscht und mit einem Herzchen quittiert werden? 

Den Eindruck habe ich manchmal. Und hier zeigt sich ein ganz eigenes Phänomen: Gruppenzwänge. Die oben genannten Gruppierungen formieren sich, sobald jemand aus den eigenen Reihen kritisiert wird. Man wirft sich Herzen zu, bäumt sich gegen den vermeintlichen Eindringling auf und führt die eigentliche Diskussion in privaten Nachrichten, nicht öffentlich. Ich finde das falsch und gefährlich. Wir sind weder eine „Elite“ noch unfehlbar. Wir leben von konstruktiver Kritik und Gespräche dürfen auch ruhig mal hitzig werden. Wir dürfen sehr wohl öffentlich bekennen, dass wir die Meinung unsere Kumpels nicht richtig finden und uns auch mit besten Freunden mal auseinandersetzen. Dies alles tun in der Digi- Szene nur noch eine kleine Handvoll Menschen, die wegen ihrer kritischen Art tatsächlich von vielen geblockt werden. Ernsthaft? Konstruktive Kritik blocken, um zu verhindern, dass es selbst mal bei einem “einschlägt”? Schade. Ich höre häufig von Twitter- Neulingen, dass sie sich nicht trauen, etwas zu sagen. Warum ist das? Weil sie noch keine Nische gefunden haben und sie alleine dastehen, ganz ohne Peergroup. 

Schaue ich mir dieses „Spiel“ nun an, kommt mir mehr und mehr der Verdacht, dass es oftmals tatsächlich gar nicht darum geht, sich oder seinen Unterricht zu verändern, sondern eine Rolle in diesem Spiel zu spielen. Sonst wären Kritik und der Austausch doch erwünscht. 

Ich hatte gestern eine Situation bei Twitter, die mir genau das bewies. Es geht um ein Thema, das man eigentlich als Mann schon in sozialen Netzwerken gar nicht anspricht, die Genderthematik. Eine absolut neutrale Frage meinerseits wurde mir nach zweifachem Ignorieren als passiv aggressiv angekreidet. Ich habe das bis jetzt nicht verstanden. Daraufhin reagierten mehrere Personen, die ich sehr schätze und mag, mit genau dem, was ich oben beschrieb: Ich bin der iPad- Mann, der Konzepte wichtig findet, Leuchttürme ablehnt und „aggressiv“ (sprich: kritisch) daherkommt. Zack, da ist sie, meine NISCHE.

 

Ich werde diese Nische weiter bedienen, weil es Themen sind, die mich umtreiben; weil es mir wichtig ist, Dinge anzusprechen; weil es mir manchmal egal ist, ob man mich lieb hat und weil ich daran glaube, dass die eigene Motivation regelmäßig in Frage gestellt werden muss.

Hiermit getan, 2019 kann kommen. Frohes neues Jahr!

Bildnachweis: Nick Youngson CC BY-SA 3.0 ImageCreator

Comments ( 7 )

  • Florian Dagner

    Danke für den Text, der mich dahingehend bestätigt das #Twitterlehrerzimmer nur passiv zu lesen, um mich nicht von allen (anderen) Kollegen abzugrenzen. In dieser Hinsicht also: keine Motivation.

    • Andreas Hofmann

      Schade. Ich sehe Twitter als wichtigste Quelle überhaupt an. Dort habe ich neben interessanten Impulsen auch einige meiner mir liebsten Menschen im echten Leben kennengelernt. Twitter lebt von der Konfrontation und natürlich, wie alles, hat es auch komische Eigendynamiken. Würde mich freuen, dort mit dir in Kontakt zu können. :))

  • Retemirabile

    Ich sehe es ähnlich wie Du und habe auch schon mal darüber geschrieben. Ich bin schon sehr lange auf Twitter aktiv, aber in letzter Zeit weniger häufig und weniger intensiv, weil ich keinen Bedarf nach eben diesen Diskussionen habe. Ich bekomme dort immer noch viele Anregungen, aber es ist auch regelmäßig etwas befremdlich zu sehen, wie manche Erwachsene sich geben.

    Die eigene Motivation muss jeder selbst reflektieren, aber eines scheint mir klar: Es ist eminent wichtig, Kolleginnen und Kollegen in der Breite mitzunehmen und ihnen zu helfen, in die „digitale Welt“ hineinzufinden – auch wenn das bedeutet, dass man ihnen erklärt, das Browser Tabs haben und wie sie funktionieren. Für sich selbst kann man ja dennoch den nächsten geilen Scheiß ausprobieren, sollte sich aber immer auch fragen, ob das – über eine viel gelikten Twitter-Post hinaus – wirklich nachhaltig im Unterricht Verbesserungen mit sich bringt.

  • Hokey

    Danke für diesen Artikel, ich finde, du bringst es auf den Punkt.

  • Beat Rüedi

    Twitter & Co schliessen Konfrontation geradezu aus – sind nahezu authistische Selbstdarstellungsplattformen. Geduldet, ja eigentlich willkommen werden/sind Schmeicheleien und Lobhudeleien. Niemand lernt durch und mit Twitter – er/sie werden höchstens in seiner/ihrer Meinung bestätigt. Adäquate Kommentare beginnen am besten mit “spannend”.

  • Pingback:Motivation und Narzissmus – grafm.net

  • Bernd Wöhlbrandt

    Ich bin nicht b ei Twitter und werde es auch bestimmt nicht werden. Dafür gibt es viele Gründe.

    Zum Thema “Motivation”. Ich bin so einer, der viel ausprobiert, sich gerne Anregungen holt für den eigenen Unterricht. Aber wirklich im Ernst: Ich habe selten Zeit, die Dinge breitunwirksam umzusetzen. Das hängt ganz einfach damit zusammen, dass ich meinen schon seit 2006 digitalisierten Unterricht (per keynote-Präsentationen und anderen Digi-Kram) nun auf die neue Situation “1:1 Tablet-Klasse” umstellen muss. Das erfordert sehr viel Zeit. Parallel dazu muss ich ja auch meine Schüler mitnehmen, sprich sie nicht überfordern. Man setzt also seine eigenen Präferenzen. Bei mir sind das die Lernprodukte in der digitalen Form, welche meine Schüler (und die Schüler aller Mitstreiter): Schaubilder entwickeln, Tabellen entwickeln, eBooks erstellen, multimediale Präsentationen, Lernfilme, Interviews, Kahoots entwickeln und eigene Arbeitsblätter entwickeln. Damit haben die Schüler mehr als zu tun. Hin und wieder eine Umfrage oder ein Kahoot vom Lehrer, auch mal learningapps.org. Diese ganzen Lernprodukte, die meine Schüler in bester Qualität abliefern sollen, sind schon ein ganz schöner Brocken, denn es gibt in einer Regionalschule auch viele lernschwache Schüler, meist aber durchschnittliche, die auch kaum besser werden wollen – also ursächlich mit wenig Ehrgeiz.

    Ich musste für mich feststellen, dass bei der Formulierung von kleinschrittigen Aufgabenstellungen die allermeisten Schüler selbstständig arbeiten können. Im Umkehrschluss habe ich ausreichend Zeit mich fast ausschließlich um lernschwache Schüler zu kümmern. Ein perfekter Zustand. Letztlich spüre ich als wichtigste Ergebnisse deutlich mehr Eigenverantwortung, Eigeninitiative, Termintreue, Selbstständigkeit, gesteigerte Exaktheit, Einhalten von Regeln (zur Anfertigung von Lernprodukten), Ordnungssinn und ästhetisches Gefühl sowie Farbempfinden. Und genau diese Eigenschaften sind es, die jeder Unternehmer bei seinen Auszubildenden gerne haben möchte.

    In meiner Schule arbeiten wir nur im Team am der Digitalisierung. Ich versuche ständig, alle ins Boot zu bekommen und unterstütze wo ich kann. DENN: Dies alles ist ein sehr langwieriger Prozess. So richtig loslegen kann der durchschnittliche Lehrer auch nicht, weil er schlicht überfordert ist. Jedenfalls bei uns und nach meiner Einschätzung. Aber es geht voran. Ebenso bei den Schülern. Auch dort ist noch längst nicht alles tipptopp. Es sind eben nicht alle gleich.

    Meine Motivation gewinne ich durch meinen Unterricht. Ich weiß, dass viele positiven Effekte sich ergeben und möchte ganz einfach, dass andere Kollegen und auch andere Schulen diese Effekte ebenfalls für sich erkennen. Ich gehe hier eher von einem Schneeballprinzip aus als von der Theorie der Leuchtturmschule. Eine Leuchtturmschule ist so etwas wie ein Spitzenunternehmen. Auch in der Wirtschaft können nicht alle – besser die allermeisten – diesem Spitzenunternehmen folgen und es ihm gleich tun. So ist es auch in der Bildung.

    Das war meine Meinung dazu. In der Hoffnung nicht falsch verstanden zu sein verbleibe ich mit einem “Guten Rutsch” ins neue Jahr. Ich freue mich schon sehr auf MOLOL.

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